--Von ddp-Korrespondentin Julia Klabuhn--
Tagesnachrichten vom 18.09.2009 Im Jahr 2004 wurde sie das Gesicht der
Folterexzesse im irakischen Gefängnis Abu Ghraib: Die US-Soldatin Lynndie England war auf Fotos zu sehen, wie sie einen Gefangenen an der Hundeleine hält und hinter einer Pyramide nackter
Häftlinge steht. Sie wurde damit das "Covergirl" der Berichte über amerikanische Soldaten, die im Irak Häftlinge misshandelten.
"Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt Lynndie England, gespielt von
Katja Jeannette Steuer. Sie wird in dem Stück vom militärischen Geheimdienst zu den Fotos befragt, die die gefolterte Häftlingen im Gefängnis von Abu Ghraib zeigen. England spricht von Prügel,
Vergewaltigung und von den Schreien, die sie immer wieder gehört habe. "Ich habe nur auf Befehl gehandelt", sagt sie entschuldigend.
Der Text des Einpersonenstücks, das als szenische Collage angelegt ist, stammt
aus der Feder der österreichischen Regisseurin Barbara Herold. Aus Zeitschriften-Interviews mit England hat sie eine Szenenfolge geschrieben, die verschiedene Lebensabschnitte der Soldatin in
nicht chronologischer Reihenfolge beleuchtet: ihre Kindheit, den Einsatz im Irak, die Gerichtsverhandlung, die Haft, die Zeit nach der Entlassung.
Der Stück bringt den Zuschauern eine Person nahe, der sie eigentlich lieber fern bleiben möchten. Die Szenen zeigen England teils ratlos, teils trotzig im Verhör, mal euphorisch und verliebt bei
der Feier ihres 21. Geburtstages in Abu Ghraib, dann wieder niedergeschlagen und ratlos vor der Frage, wie ihr Leben weiter gehen soll. "Es ist eine Gradwanderung zwischen der Einfühlung in die
Figur, die dem Zuschauer nachvollziehbar bleiben muss, und dem Versuch, Lynndie England nicht als Einzelschicksal darzustellen", sagt Katharina Holler, die das Stück in Stendal
inszeniert.
Holler möchte den Zuschauern nicht die Frage ersparen, inwieweit sich jeder
Mensch manipulieren lässt und dann die eigene Verantwortung mit Verweis auf Befehle abstreitet. Holler will das Stück aber auch als politische Botschaft verstanden wissen. Als Aufforderung, die
Politik in die Pflicht zu nehmen, damit Folter als Mittel gegen den Terrorismus nicht stillschweigend akzeptiert werde.
"Das Thema ist immer noch virulent", sagt auch Dramaturg Sascha Löschner. Er
hat das Stück entdeckt und nach Stendal geholt. "Wenn es nach den Anschlägen vom 11. September ein ähnlich gesellschaftsveränderndes Ereignis gab, dann war es die Veröffentlichung der Fotos aus
Abu Ghraib", sagt er.
Von den drei Premieren, mit denen am Wochenende die neue Spielzeit in Stendal
unter dem Motto "Tatmenschen" beginnt, sei "Covergirl" der härteste Stoff, sagt Regisseurin Holler. "Bei diesem Stück ist es zwingend, an Grenzen zu gehen", erklärt sie. Dramaturg Löschner
versichert, dass die Zuschauer mit "Covergirl" aber nicht alleine gelassen werden sollen. So werde es Diskussionsrunden, unter anderem mit einem ehemaligen Brigadegeneral der Bundeswehr und mit
Psychologen, geben.
"Ziel ist durchaus auch Aufklärung, man könnte es als pädagogisches Projekt
bezeichnen", sagt Löschner. Deshalb sollen auch Schulklassen ab Stufe zehn zu dem Stück eingeladen werden. Holler ergänzt: "Wir wollen ohne erhobenen Zeigefinger auskommen. Aber viele junge
Menschen, die Soldat als Berufsoption sehen, wissen nicht, was auf sie zukommen könnte." (ddp)
zdf-Theaterkanal - Link
http://www.theater.de/theater/deutschland/sachsenanhalt/stendal/1098/erstauffuehrung-von-buehnenstueck-ueber-us-soldatin-england-in-stendal/